Eine Kanalinspektion hat drei Ziele: eine freie Leitung, Bilder aus dem Rohr und eine verlässliche Aussage zur Dichtheit. Der Ratgeber erklärt, wie Reinigung, Kamerabefahrung und Dichtheitsprüfung ineinandergreifen. Außerdem erfahren Sie, wie Sie den Termin vorbereiten und das Protokoll auswerten.
Kanalinspektion: drei Schritte, ein Befund
Kanalinspektion bezeichnet die Zustandserfassung aller Abwasserleitungen eines Grundstücks. Erfasst werden Fallrohre im Gebäude, die Grundleitung unter der Bodenplatte und der Anschlusskanal bis zum öffentlichen Kanal. Zentrales Verfahren ist die TV- bzw. Kamera-Inspektion. Vorher wird die Leitung gereinigt, damit die Bilder verwertbar sind. Ist zu klären, ob Abwasser austritt, schließt sich eine Dichtheitsprüfung an. Die Schritte bauen aufeinander auf. Ihre Reihenfolge ist nicht beliebig.
Der Grund ist technisch. Fett- und Kalkschichten legen sich auf die Rohrwand. Ein Haarriss unter einer Fettschicht ist auf dem Monitor nicht sichtbar. Eine Verengung durch Ablagerungen wirkt im Bild leicht wie eine Rohrverformung. In einer verschmutzten Leitung bleibt der Befund unvollständig, oder die Kamera stoppt am ersten Hindernis. Deshalb wird in der Regel zuerst gespült, meist mit Hochdruck.
Kamera und Dichtheitsprüfung beantworten verschiedene Fragen. Die Kamera zeigt den Zustand des Rohrs. Die Prüfung misst, ob es dicht ist. Ein optisch einwandfreies Rohr kann an einer Muffe Wasser verlieren.
Notieren Sie nach jeder Rohrreinigung Datum und betroffenen Ablauf. Kehrt die Verstopfung an derselben Stelle zurück, ist das ein klarer Anlass für eine Kamerabefahrung.
Anlässe für eine Kamerabefahrung
Eine Kamera ist nicht bei jeder Verstopfung nötig. Läuft ein Waschbecken nach Jahren einmal schlecht ab, genügen meist Siphonreinigung oder eine normale Rohrreinigung. Anders bei wiederkehrenden Störungen oder Leitungen im Erdreich. Typische Anlässe:
- Erneute Verstopfung derselben Leitung nach kurzer Zeit. Wahrscheinlicher sind Wurzeln, eine versetzte Verbindung oder Gegengefälle als reiner Schmutz.
- Hauskauf: Der Zustand der Grundleitung unter der Bodenplatte steht selten im Exposé. Reparaturen dort sind aufwendig.
- Feuchte Kellerwände, abgesacktes Pflaster oder Ratten auf dem Grundstück als mögliche Hinweise auf einen Rohrschaden.
- Rückstau in den Keller, auch mit Rückstausicherung oder nach Starkregen.
- Vor und nach einer Sanierung: Umfang festlegen, Ergebnis belegen.
- Aufforderung der Gemeinde oder Bauarbeiten, z. B. Anbau oder neue Pflasterflächen über der Leitungstrasse.
In älteren Gebäuden in Gießen und Umgebung liegen oft noch Steinzeug- oder Betonrohre. Ihre Verbindungen haben keine elastischen Dichtungen nach heutigem Standard. Typische Befunde: Wurzeleinwuchs und versetzte Muffen. Wurzeln dringen nicht nur durch Undichtigkeiten ein. Betroffen sind auch Verbindungen, die dem Druck wachsender Wurzeln auf Dauer mechanisch zu wenig entgegensetzen. Ein großer Baum nahe der Trasse ist bereits ein Anlass zur genaueren Prüfung.
Ablauf der TV-Kamerainspektion und Vorbereitung
Die Vorbereitung beginnt vor dem Termin. Wenige Handgriffe sparen Zeit vor Ort und sichern eine vollständige Befahrung.
Vorbereitung in vier Schritten
- Entwässerungsplan beschaffenBauakte und Kaufunterlagen prüfen. Fehlt der Plan, bei der zuständigen Bauaufsichtsbehörde oder dem örtlichen Abwasserbetrieb anfragen. Der Plan zeigt Leitungsverlauf und vorgesehene Schächte.
- Zugänge räumenRevisionsschacht, Reinigungsöffnung im Keller und Kontrollschacht an der Grundstücksgrenze von Kübeln, Kies oder Regalen freimachen. Deckel nur anheben, nicht einsteigen.
- Beobachtungen festhaltenBetroffenen Ablauf, Beginn der Probleme sowie Zeitpunkte von Gluckern oder Geruch notieren. Der Techniker kann gezielt prüfen.
- Wasserverbrauch stoppenWährend des Termins keine Waschmaschine, Spülmaschine oder Toilettenspülung benutzen. Alle Bewohner informieren. Nachlaufendes Wasser verschlechtert die Sicht.
Ablauf vor Ort
Nach der Reinigung führt der Techniker die Kamera über eine Öffnung ein. In Hausleitungen dient meist eine Schiebekamera an einem flexiblen Kabel, das durch Bögen geschoben wird. Einsatzbereich je nach Gerät ab Nennweiten von etwa DN 25 bis 50. Für größere Kanäle gibt es fahrbare Kamerawagen. Ein Meterzähler dokumentiert die Lage jedes Befunds.
Viele Kameraköpfe haben einen Sender. Von oben lässt sich so orten, wo die Kamera unter Rasen, Terrasse oder Bodenplatte steht und in welcher Tiefe. Für Reparaturen ist das wesentlich: Die Stelle wird exakt markiert, gegraben wird nicht auf Verdacht. Bei Anwesenheit lohnt der Blick auf den Monitor. Die meisten Befunde sind am Bild gut nachvollziehbar.
Dokumentation nach DIN EN 13508-2: Inhalt des Berichts
Der Wert einer Befahrung hängt an ihrer Dokumentation. DIN EN 13508-2 definiert ein einheitliches Kodiersystem für die optische Inspektion von Entwässerungsleitungen. Jeder Befund erhält einen Buchstabencode und eine Lageangabe in Metern ab Startpunkt, bei Bedarf zusätzlich Ausmaß und Position am Rohrumfang. Andere Fachbetriebe, Gutachter oder die Gemeinde können den Bericht so ohne eigene Befahrung auswerten.
Gliederung eines typischen Inspektionsberichts
| Teil des Berichts | Was drinsteht | Wofür Sie es brauchen |
|---|---|---|
| Stammdaten | Adresse, Datum, Leitungsabschnitte mit Start- und Endpunkt, Material und Nennweite | Eindeutige Zuordnung bei späterer Sanierung |
| Schadensliste | Befunde mit Meterangabe und Code, z. B. BAB (Rissbildung), BAJ (verschobene Verbindung), BBA (Wurzeln), BBC (Ablagerungen) | Grundlage für Angebot und Sanierungsplanung |
| Fotos | Standbilder der wichtigen Stellen mit eingeblendeter Meterangabe | Schneller Überblick, Nachweis gegenüber Käufer, Vermieter oder Versicherung |
| Video | Die komplette Befahrung als Datei | Zweitmeinung einholen, Zustand später vergleichen |
| Bewertung | Einstufung des Zustands, häufig angelehnt an das DWA-Merkblatt M 149-3, mit Empfehlung | Dringlichkeit einschätzen: sofort handeln, beobachten oder in Ordnung |
Halten Sie im Auftrag fest, dass Video und Bericht zum Leistungsumfang gehören. Bei akuter Verstopfung reicht mitunter ein kurzer Kamerablick ohne Aufzeichnung. Als Nachweis taugt er nicht. Enthält der Bericht nur Codes, fragen Sie nach. Lassen Sie sich erläutern, welche Befunde dringend sind und welche nur vermerkt werden, z. B. leichte Ablagerungen zur Kontrolle beim nächsten Termin.
Dichtheitsprüfung: Verfahren und Pflicht
Bei der Dichtheitsprüfung wird ein Leitungsabschnitt mit Absperrblasen verschlossen und mit Wasser oder Luft geprüft. Wasserprüfung: Die Leitung wird gefüllt, über eine festgelegte Zeit wird die nachzufüllende Wassermenge gemessen. Luftprüfung: Es wird Überdruck aufgebaut und ein möglicher Druckabfall beobachtet. Verfahren und Prüfkriterien richten sich bei bestehenden privaten Leitungen nach DIN 1986-30, bei neu verlegten Leitungen nach DIN EN 1610.
Eine bundesweite Pflicht mit festem Stichtag für alle Eigentümer besteht nicht. Maßgeblich sind die Abwassersatzung der Gemeinde und die Lage des Grundstücks. Häufige Auslöser sind ein Neubau oder eine wesentliche Änderung der Entwässerung sowie eine konkrete Aufforderung der Stadt, z. B. wenn bei Kanalarbeiten in der Straße Fremdwasser festgestellt wird. Für Gießen und die Umlandgemeinden empfiehlt sich vor der Beauftragung ein Anruf beim zuständigen Abwasserbetrieb.
Zeigt die Kamera bereits Risse oder offene Muffen, ist das Prüfergebnis absehbar. Lassen Sie in diesem Fall zuerst sanieren und erst danach prüfen. Das spart einen unnötigen Prüfgang. Die Bescheinigung muss erkennen lassen, welche Abschnitte mit welchem Verfahren geprüft wurden, und vom ausführenden Sachkundigen unterschrieben sein. Bewahren Sie sie zusammen mit dem Kamerabericht auf. Bei Verkauf oder Anfrage der Gemeinde dient sie als Nachweis.
Rohrkamera in Eigenregie: Grenzen für Heimwerker
Endoskopkameras für Heimwerker sind leicht erhältlich. Für Siphon, Revisionsklappe oder die ersten Meter eines Fallrohrs sind sie brauchbar. Zur Beurteilung einer Grundleitung genügen sie in der Regel nicht.
Handkamera oder Kanal-TV-Untersuchung?
Handkamera für Heimwerker
- Kurzes Kabel, Reichweite oft nur wenige Meter
- Kopf verhakt sich in Bögen und an Ablagerungen
- Keine Ortung von Lage und Tiefe
- Keine normgerechte Kodierung, kein verwertbarer Bericht
- Einsatz: Siphon, Revisionsöffnung, kurze Rohrstücke
Fachgerechte Kanal-TV-Untersuchung
- Längeres Schiebekabel, ausgelegt für Bögen
- Reinigung vorab, Rohrwand sichtbar
- Ortung der Schadstelle von oben
- Befunde mit Meterangabe nach DIN EN 13508-2
- Video und Bericht als Nachweis
Auch die Reinigung hat Grenzen. Eine handelsübliche Spirale löst Verstopfungen im Fallrohr. Bei Wurzeln oder versetzten Muffen verschiebt sie das Problem oft nur oder verklemmt sich. Nach zwei, drei erfolglosen Versuchen drohen Rohrschäden, die Ursache bleibt ungeklärt.
Vom Befund zur Maßnahme: Reinigung, Kurzliner, Sanierung
Die Maßnahme folgt dem Befund. Ablagerungen und Verengungen durch Fett oder Kalk werden meist per Hochdruckspülung oder Fräsen entfernt. Einzelne Risse oder eine versetzte Muffe lassen sich oft mit einem Kurzliner von innen reparieren. Dabei wird ein harzgetränkter Schlauch an der Schadstelle angepresst, bis er ausgehärtet ist. Bei vielen Schadstellen oder verformtem Rohr kommen längere Inliner in Betracht, im Einzelfall ein Austausch in offener Bauweise.
Die Kosten hängen nicht allein an der Kamera, sondern vor allem an der Länge der befahrenen Leitung und am Reinigungsaufwand. Für ein belastbares Angebot nennen Sie am Telefon am besten, welche Leitungen geprüft werden sollen und ob es einen Revisionsschacht gibt. Klären Sie dabei auch, ob Sie einen schriftlichen Bericht benötigen.
Kanal- und Rohrreinigung Bieber GmbH arbeitet seit 2017 in der Rohr- und Kanaltechnik. Leistungen: Rohr- und Kanalreinigung, Kanal-TV-Untersuchung, Dichtheitsprüfung und Kanalsanierung inklusive Kurzliner. Wer den Schaden aufgenommen hat, kann auch die Behebung erläutern.





